Wüstungsforschung in Bad Lippspringe

Seit acht Jahren begeht Jens Lütkemeyer (24), ehrenamtlicher Mitarbeiter der LWL-Archäologie für Westfalen, systematisch die Äcker und Wiesen um Bad Lippspringe. Eine Erlaubnis für die Suche mit dem Metalldetektor besitzt er seit seinem 16. Lebensjahr und hat seitdem neben unzähligen Keramikscherben und einigen Steinzeitartefakten auch sehr viele Metallobjekte zusammengetragen. Der Grund für diesen starken Fundniederschlag ist die Tatsache, dass sich im Bereich der insgesamt 20 Hektar großen Untersuchungsfläche ehemals die ländlichen Siedlungen Dedinghausen und Wietheim befanden, deren Dauer sich vor allem anhand der gefundenen Keramik ablesen lässt. Beide Orte waren seit dem Ende des 8. Jahrhunderts lückenlos besiedelt und fielen im 14. Jahrhundert wüst.

Jens Lütkemeyer arbeitet eng mit der Stadtarchäologie Paderborn zusammen und bringt in regelmäßigen Abständen seine neuen Funde zur Begutachtung dorthin. Für die Archäologie ist seine umfangreiche Sammlung von hohem Wert, da sie Licht in den Zeitraum bringt, der von geschichtlichen Quellen nicht erfasst werden kann. Die frühesten Metallfunde, ein rechteckiger Schwertgurtbeschlag und das Bruchstück eines vergoldeten Reitersporns, sind Teile der militärischen Ausrüstung der Gefolgsleute Karls des Großen. Sie hielten sich im 8. Jh. in großen Zeltlagern bei Bad Lippspringe auf und verloren dort so manches Stück – oder tauschten es mit der einheimischen Bevölkerung. Den Dorfbewohnern war vor allem wichtig, ihren im Zuge der Christianisierung neu angenommenen Glauben sichtbar an der Kleidung tragen zu können. Nach der Überführung der Reliquien des heiligen Liborius nach Paderborn im Jahr 836 kamen daher Heiligenfibeln auf, die ab der Mitte des 9. Jahrhunderts von Scheibenfibeln mit Emailkreuz und ab der Mitte des 10. Jahrhunderts von Tierfibeln in Anlehnung an sogenannte Agnus-Dei-Darstellungen abgelöst wurden.

Die Metallfunde der Lütkemeyer’schen Sammlung werden von uns restauriert und konserviert (bis 2011 rund 70 Stück) und von den Archäologen des Museums in der Kaiserpfalz Paderborn wissenschaftlich ausgewertet. Die genauen Fundortangaben zu jedem Objekt sowie die gewissenhafte Auflese aller Stücke bilden hierfür eine hervorragende Grundlage – auch wenn (oder gerade weil) in dem Areal der Wüstungen keine archäologische Ausgrabung stattfinden wird. Ausgewählte Exemplare waren bereits in mehreren Präsentationen zu sehen, so z.B. als eigene Sonderausstellung (im Jahr 2009) und im Zuge der Meinwerk-Ausstellung (2009/2010) im Museum in der Kaiserpfalz in Paderborn sowie in der Ausstellung „Hömma, der Kaiser kommt“ in Duisburg (2010/2011). In Zukunft sollen einige Objekte in die Dauerausstellung des Museums in der Kaiserpfalz übernommen werden – und zwar in den Themenbereich der Wüstungsforschung, parallel zu den Funden aus der Wüstung Balhorn bei Paderborn. Dieses Beispiel einer sehr gelungenen Zusammenarbeit zeigt, wie wertvoll das Engagement der ehrenamtlichen Mitarbeiter für die Archäologen des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) ist, die in den meisten Fällen aufgrund von Personalmangel nur Notgrabungen bewerkstelligen können.

HeiligenfibelBild klicken zum Vergrößern

KreuzfibelBild klicken zum Vergrößern

Vergoldeter BeschlagBild klicken zum Vergrößern

Frühmittelalterliche KreuzfibelBild klicken zum Vergrößern

BeschlagBild klicken zum Vergrößern

RingBild klicken zum Vergrößern